Es gibt beispielsweise Kreise, die sich nur teilweise mit einer Disziplin überschneiden. Nehmen wir die Tradition des Skeptischen Empirismus im Nordwesten. Die Werke von Montaigne lassen eine partielle Überlappung erkennen, da Montaigne dank seiner (finanziellen) Unabhängigkeit nur tangential in dieser Tradition stand; er war außerdem Stoiker – und vor allem Mensch. Seine Unabhängigkeit war größtenteils der Tatsache zuzuschreiben, dass er kein Gelehrter war, denn Gelehrte (die professionellen zumal) neigen dazu, beharrlich in den bereits existierenden Disziplinen zu bleiben. Professionellen Gelehrten fehlt es an dem Abenteuergeist von uns Menschen – daher das niedrige Niveau der Gelehrsamkeit, das man bei den Herren Professoren Doktoren auf der ganzen Welt findet. Wir lernen nicht spontan, dass wir nicht lernen, dass wir nicht lernen . Das Problem liegt in der Struktur unseres Verstands: Wir lernen keine Regeln, sondern nur Fakten. Wir sind offenbar nicht gut dabei, uns Metaregeln (wie die Regel, dass wir dazu neigen, keine Regeln zu lernen) anzueignen. Wir verachten das Abstrakte, und zwar leidenschaftlich. [konkret gegen abstrakt] [typen 24 gegen typen 13?] [typen 23 gegen typen 14?] [typ 2 gegen typ 1?] [typen 3402 gegen typen 3401?] Wofür ist unser Verstand gemacht? Es sieht so aus, als hätten wir die falsche Bedienungsanleitung. Unser Verstand ist offenbar nicht für das Denken und die Introspektion gemacht. Sonst wären die Dinge heute für uns einfacher, aber dann wären wir gar nicht hier und ich könnte nicht darüber sprechen – mein introspektiver und intensiv nachdenkender Vorfahr, der nicht viel auf die Tatsachen gab, wäre dann nämlich von einem Löwen gefressen worden, während sein nicht denkender, aber schneller reagierender Cousin die Beine in die Hand genommen und Schutz gesucht hätte. Denken ist ja schließlich eine zeitraubende Aktivität und generell eine große Energieverschwendung; unsere Vorfahren brachten über 100 Millionen Jahre als nicht denkende Säugetiere zu, und wir haben unseren Verstand in der Millisekunde unserer Geschichte, in der wir ihn benutzt haben, für Themen eingesetzt, die zu sehr am Rande lagen, um von Bedeutung zu sein. Die Evidenz zeigt, dass wir viel weniger denken, als wir glauben – außer natürlich, wenn wir darüber nachdenken. Weshalb es gut ist, zu seinen Überzeugungen zu stehen Mein Ethos wurde geprägt, als man mich mit 15 ins Gefängnis steckte, weil ich (angeblich) bei Schüler- und Studentenkrawallen einen Polizisten mit einer Betonplatte angegriffen hatte. Dieser Vorfall hatte seltsame Auswirkungen, da mein Großvater damals als Innenminister die Anordnung unterzeichnete, unseren Aufstand niederzuschlagen. Einer der Aufrührer wurde getötet, als ein Polizist, der von einem Stein am Kopf getroffen worden war, in Panik geriet und blindlings auf uns schoss. Ich erinnere mich daran, dass ich mich im Zentrum des Aufstands befand und von großer Befriedigung darüber erfüllt wurde, dass ich verhaftet worden war, während meine Freunde sowohl vor dem Gefängnis als auch vor ihren Eltern zitterten. Wir jagten der Regierung so viel Angst ein, dass sie uns eine Amnestie gewährte. Ich hatte gezeigt, dass ich zu meiner Überzeugung stehen konnte, und war keinen Zentimeter zurückgewichen, um andere nicht zu „verletzen“ oder ihnen keine Schwierigkeiten zu bereiten. Das hatte ein paar augenfällige Vorteile. Ich war sehr wütend, und es war mir gleichgültig, was meine Eltern (und mein Großvater) von mir hielten. Das führte dazu, dass sie große Angst vor mir hatten, und daher konnte ich es mir nicht leisten, einen Rückzieher zu machen oder auch nur zu blinzeln. Wenn ich meine Beteiligung an den Unruhen verheimlicht hätte (wie viele meiner Freunde) und dann aufgeflogen wäre, statt offen die Stirn zu bieten, hätte man mich mit Sicherheit als schwarzes Schaf behandelt. Es ist eine Sache, sich kosmetisch gegen Autorität aufzulehnen, indem man unkonventionelle Kleidung trägt (die Sozialwissenschaftler und Ökonomen nennen das „billige Signale setzen“), aber eine ganz andere, unter Beweis zu stellen, dass man bereit ist, gemäß seinen Überzeugungen zu handeln. Mein Onkel väterlicherseits regte sich nicht besonders über meine politischen Ideen auf (sie kommen und gehen ja); er war darüber empört, dass ich sie als Rechtfertigung dafür benutzte, mich schlampig anzuziehen. Für ihn war das tödliche Vergehen mangelnde Eleganz seitens eines engen Familienmitglieds. Dass meine Verhaftung öffentlich bekannt wurde, hatte noch einen anderen großen Vorteil: Ich konnte auf die üblichen äußerlichen Zeichen der Auflehnung von Jugendlichen verzichten. Ich entdeckte, dass es viel effektiver ist, sich „anständig“ zu verhalten und „vernünftig“ zu sein, wenn man bewiesen hat, dass man bereit ist, es nicht bei bloßen Worten zu belassen. Man kann es sich leisten, Mitgefühl zu zeigen, locker und höflich zu sein, solange man hin und wieder, wenn es am wenigsten von einem erwartet wird, aber vollkommen gerechtfertigt ist, jemanden verklagt oder einen Feind anfällt, einfach um zu demonstrieren, dass man sich nicht davor scheut. Die Geschichte kriecht nicht dahin, sie springt Später ließ ich die Ereignisse der Kriegszeit in meiner Erinnerung noch einmal ablaufen, weil ich meine Gedanken zur Wahrnehmung von zufälligen Ereignissen formulieren wollte. Dabei entwickelte sich bei mir der vorherrschende Eindruck, dass unser Verstand zwar eine wunderbare Maschinerie ist, die in fast allem einen Sinn erkennen und Erklärungen für die verschiedensten Phänomene liefern kann, dass er aber generell nicht in der Lage ist, die Idee der Unvorhersehbarkeit zu akzeptieren. Jene Ereignisse ließen sich nicht erklären, doch intelligente Menschen glaubten, sie könnten überzeugende Erklärungen für sie finden – im Nachhinein. Und je intelligenter der Betreffende war, desto besser hörte die Erklärung sich an. Beunruhigender ist aber, dass diese Überzeugungen und Darstellungen alle logisch kohärent und frei von inneren Widersprüchen zu sein schienen. Bildung in einem Taxi Nun zum dritten Element des Tripletts, dem Fluch des Lernens: Ich habe meinen Großvater, der Verteidigungs- und später Innenminister und stellvertretendes Staatsoberhaupt war, in den frühen Tagen des Krieges, bevor er an politischer Statur verlor, genau beobachtet. Trotz seiner Position wusste er offensichtlich nicht besser, was passieren würde, als sein Fahrer Mikhail. Im Gegensatz zu meinem Großvater kommentierte Mikhail die Ereignisse allerdings überwiegend mit „weiß Gott“, übertrug die Aufgabe des Verstehens also einer höheren Instanz. Mir fiel auf, dass sehr intelligente und gut informierte Personen den Taxifahrern bei ihren Vorhersagen nichts voraushatten, dass es aber einen ganz wichtigen Unterschied gab: Die Taxifahrer glaubten nicht, sie würden so viel verstehen wie gelehrte Leute – sie waren ja wirklich keine Experten, und das wussten sie. Niemand wusste irgendetwas, doch die Denkerelite glaubte, sie wüsste mehr als die anderen, eben weil sie die Denkerelite war – wenn man zur Elite gehört, weiß man ja automatisch mehr als diejenigen, die nicht zur Elite gehören. Nicht nur Wissen kann von zweifelhaftem Wert sein, sondern auch Informationen. Ich bemerkte, dass fast alle bis ins kleinste Detail mit den aktuellen Ereignissen vertraut waren. Die Überschneidung bei den Zeitungen war so groß, dass man immer weniger Informationen bekam, je mehr man las. Die Leute waren aber so darauf erpicht, jede einzelne Tatsache zu erfahren, dass sie sich auf alles stürzten, was frisch aus der Druckerpresse kam, und sich alle Radiosender anhörten, als würde ihnen im nächsten Bulletin die große Antwort offenbart werden. Sie wurden Enzyklopädien dazu, wer sich mit wem getroffen und welcher Politiker was zu welchem anderen Politiker gesagt hatte (und mit welchem Tonfall: „War er freundlicher als sonst?“). Doch das nützte alles nichts. Das Kategorisieren ist für uns Menschen notwendig, wird aber pathologisch, wenn die Kategorie als definitiv betrachtet wird. Dann hindert sie die Leute nämlich daran, die Unschärfe von Grenzen zu berücksichtigen, von einer Überprüfung ihrer Kategorien ganz zu schweigen. Wie willkürlich diese Kategorien sind und welche Ansteckungsgefahr von ihnen ausgeht, lässt sich am besten beweisen, wenn man bedenkt, wie häufig solche Cluster sich in der Geschichte umkehren. Die heutige Allianz der christlichen Fundamentalisten mit der Israellobby würde ein Intellektueller aus dem 19. Jahrhundert mit Sicherheit erstaunlich finden – damals galten die Christen nämlich als Antisemiten und die Moslems als Beschützer der Juden, die sie den Christen vorzogen. Die Befürworter der freien Marktwirtschaft gehörten früher zur Linken. Für mich als Probabilisten ist interessant, dass ein zufälliges Ereignis dazu führt, dass eine Gruppe, die ursprünglich eine bestimmte Sache unterstützt, sich mit einer Gruppe verbündet, die sich für eine andere Sache einsetzt, sodass die beiden Sachen miteinander verschmelzen und zu einer werden ... bis zu ihrer überraschenden Trennung. Jede Kategorisierung bewirkt eine Reduzierung der wirklichen Komplexität. Das ist eine Manifestation des Generators, der Schwarze Schwäne erzeugt, jener unerschütterlichen Platonität, die ich im Prolog definiert habe. Jede Reduzierung der Welt um uns herum kann explosive Konsequenzen haben, da sie bestimmte Unsicherheitsquellen ausschließt und uns dazu bringt, die Beschaffenheit der Welt falsch zu verstehen. Es könnte beispielsweise sein, dass Sie die radikalen Islamisten (und ihre Werte) für Ihre Verbündeten gegen die Bedrohung durch den Kommunismus halten und ihnen bei ihrer Entwicklung helfen – bis sie das World Trade Center durch zwei Flugzeuge zerstören. Ein paar Jahre nach dem Beginn des Libanonkriegs, als ich die Wharton School besuchte und 22 war, packte mich die Idee effizienter Märkte – dass es dann nicht möglich ist, aus dem Handel mit Wertpapieren Profit zu ziehen, da in diesen Instrumenten automatisch alle verfügbaren Informationen inkorporiert sind. Öffentliche Informationen können daher nutzlos sein, insbesondere für Geschäftsleute, da die Preise bereits alle derartigen Informationen „einschließen“ und Informationen, die auch Millionen anderer Menschen bekannt sind, niemandem einen wirklichen Vorteil bringen. Wahrscheinlich werden manche der Hunderte von Millionen anderer Leser dieser Informationen das Papier bereits gekauft und dadurch den Preis in die Höhe getrieben haben. Damals gab ich es völlig auf, Zeitungen zu lesen und fernzusehen, was mir eine Menge Zeit brachte (vielleicht eine Stunde oder noch mehr pro Tag, genug, um über 100 zusätzliche Bücher im Jahr zu lesen – da kommt über die Jahrzehnte ganz schön was zusammen). Das ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass ich in diesem Buch dazu rate, den Zeitungen aus dem Weg zu gehen – sich der Giftigkeit von Informationen zu entziehen, hat auch noch andere Vorteile. Ursprünglich war es eine großartige Ausrede dafür, mich nicht über die Details des Geschäfts auf dem Laufenden zu halten, ein perfektes Alibi, da ich die Details der Wirtschaft nicht interessant finde – sie sind einfach unelegant, öde, aufgeblasen, gierig, unintellektuell, selbstsüchtig und langweilig. Ich wurde ein Besessener. Mir wurde allmählich bewusst, was mein Thema war: das höchst unwahrscheinliche folgenschwere Ereignis . Und von diesem konzentrierten Glück ließen sich nicht nur gut gekleidete Unternehmensmanager mit hohem Testosteronspiegel immer wieder täuschen, sondern auch sehr gelehrte Menschen. So wurde aus meinem Schwarzen Schwan, bis dahin ein Problem von Leuten, die im Geschäftsleben Glück haben oder nicht, ein Problem des Wissens und der Wissenschaft. Meine Idee ist nicht nur, dass manche wissenschaftlichen Ergebnisse im wirklichen Leben nutzlos sind, weil sie die Wirkung des höchst Unwahrscheinlichen unterschätzen (oder uns dazu verleiten, sie zu ignorieren), sondern dass viele von ihnen sogar Schwarze Schwäne erzeugen können. Wenn man zwei Jahrzehnte damit verbringt, in großem Maßstab empirisch mit Daten zu arbeiten und auf Grundlage solcher Untersuchungen Risiken einzugehen, kann man leicht die Elemente bei der Beschaffenheit der Welt erkennen, die der platonisierte „Denker“ nicht sehen kann, weil er einer zu starken Gehirnwäsche unterzogen wurde oder zu sehr bedroht wird. Das unanständige Wort für Unabhängigkeit In jener Nacht, am 19. Oktober 1987, schlief ich geschlagene zwölf Stunden. Es war schwierig, meinen Freunden, die alle in irgendeiner Form unter dem Crash zu leiden hatten, zu erzählen, dass ich mich bestätigt fühlte. Damals waren die Prämien viel niedriger als heute, doch wenn mein Arbeitgeber, die First Boston, und das Finanzsystem bis zum Jahresende überlebten, würde ich den Gegenwert eines Forschungsstipendiums bekommen. Das wird manchmal als „Fuck-you-Geld“ bezeichnet. Es bedeutet, trotz seiner Derbheit, dass man sich wie ein Gentleman aus der Viktorianischen Zeit verhalten kann und kein Sklave mehr ist. Es ist ein psychologischer Puffer: Der Betrag ist nicht so groß, dass er den Charakter verderben würde, aber doch hoch genug, dass man sich eine neue Beschäftigung suchen kann, ohne übermäßig auf die Bezahlung achten zu müssen. Er schützt einen davor, seinen Kopf zu prostituieren, und befreit von äußerer Autorität – von jeder äußeren Autorität. (Unabhängigkeit ist personenbezogen: Es hat mich immer verblüfft, dass ein erstaunlich hohes Einkommen bei so vielen Leuten zu mehr Speichelleckerei führt – sie werden stärker von ihren Klienten und Arbeitgebern abhängig und süchtiger danach, noch mehr Geld zu verdienen.) Obwohl die Summe nach manchen Maßstäben nicht besonders hoch war, heilte sie mich von allen finanziellen Ambitionen – ich schämte mich jedes Mal, wenn ich Zeit von meinen Studien abzweigte, um materiellen Wohlstand zu erlangen. Die Bezeichnung fuck you beinhaltet übrigens die wirklich erfrischende Fähigkeit, diesen kompakten Ausdruck auszusprechen, bevor man den Telefonhörer auflegt. In jenen Tagen kam es enorm häufig vor, dass Händler Telefone zerschmetterten, wenn sie Geld verloren hatten. Manche zertrümmerten auch Stühle oder Tische – Hauptsache, es machte ordentlich Lärm. In der Chicagoer Börse versuchte mal ein anderer Trader, mich zu erwürgen; es waren vier Männer vom Sicherheitspersonal erforderlich, um ihn von mir wegzuzerren. Er war so wütend auf mich, weil ich auf „Territorium“ stand, das er als seins betrachtete. Wer würde so eine Umgebung schon verlassen wollen? Man kann das mit dem Mittagessen in der tristen Mensa einer Universität vergleichen, wo gesittete Professoren über die neueste Intrige im Seminar reden. Also blieb ich im Quant- und Handelsgeschäft (ich bin immer noch dort), habe es für mich jedoch so organisiert, dass ich nur minimale, aber intensive (und unterhaltsame) Arbeit mache, mich nur auf die besonders technischen Aspekte konzentriere, nie zu geschäftlichen „Besprechungen“ gehe, mich von „Strebern“ und Leuten in Anzügen, die keine Bücher lesen, fernhalte und mir im Schnitt jedes vierte Jahr eine Auszeit nehme, um Löcher bei meiner wissenschaftlichen und philosophischen Bildung zu schließen. Um meine eine Idee ganz in Ruhe von allen Seiten betrachten zu können, wollte ich ein Flaneur werden, ein professioneller Meditierer; ich wollte mich stundenlang in Cafés setzen, ohne an Schreibtische und Organisationsstrukturen geklebt zu sein, ich wollte mir so viel Schlaf holen, wie ich brauchte, Literatur verschlingen und niemandem eine Erklärung schulden. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, um auf dem Fundament meiner Idee vom Schwarzen Schwan in kleinen Schritten ein ganzes Gedankengebäude errichten zu können. Limousinen-Philosoph Der Krieg im Libanon und der Börsencrash von 1987 schienen identische Phänomene zu sein. Meiner Ansicht nach hatten so gut wie alle Leute einen geistigen blinden Fleck, der verhinderte, dass sie die Rolle solcher Ereignisse anerkannten. Es war so, als könnten sie diese Mammuts gar nicht sehen oder würden sie schnell wieder vergessen. Die Antwort blickte mir direkt ins Gesicht: Es handelte sich um eine psychische, vielleicht sogar biologische Blindheit . Das Problem lag nicht in der Natur der Ereignisse, sondern in unserer Wahrnehmungsweise. Andere Berufe erlauben es uns, ganz oder fast ohne zusätzliche Anstrengungen Nullen an unsere Leistung (und an unser Einkommen) anzufügen. Da ich nun faul bin, Faulheit als Vorteil betrachte und darauf erpicht bin, möglichst viel Zeit am Tag dafür freizubekommen, zu meditieren und zu lesen, zog ich sofort eine (leider falsche) Schlussfolgerung. Ich trennte die „Ideen“-Person, die ein intellektuelles Produkt in Form einer Transaktion oder eines Werkstücks verkauft, von der „Arbeits“ Person, die ihre Arbeit verkauft. Hüten Sie sich vor dem Skalierbaren! Wieso war der Ratschlag meines Kommilitonen denn nun schlecht? Er war zwar hilfreich für die Erzeugung einer Klassifikation zur Einordnung von Unsicherheit und Wissen, aber ein Fehler, was meine Berufswahl angeht. Vielleicht hat er sich für mich sogar ausgezahlt, aber nur, weil ich Glück hatte und zufällig „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ war, wie es so schön heißt. Wenn ich selbst jemandem einen Rat geben sollte, würde ich ihm empfehlen, einen Beruf zu wählen, der nicht skalierbar ist! Skalierbare Berufe sind nämlich nur dann gut, wenn man Erfolg hat; bei ihnen herrscht mehr Wettbewerb, sie produzieren monströse Ungleichheiten und sind viel stärker vom Zufall abhängig; zwischen den Anstrengungen und dem Lohn besteht ein großes Ungleichgewicht. Einige wenige Leute können ein Riesenstück vom Kuchen ergattern, während andere ohne eigene Schuld überhaupt nichts abbekommen. Die eine Berufskategorie wird vom Mittelmäßigen, Durchschnittlichen und Unbedeutenden geprägt. In ihr hat das Mittelmäßige in seiner Gesamtheit Konsequenzen. In der anderen gibt es nur Riesen und Zwerge – genauer gesagt: eine sehr kleine Zahl von Riesen und eine enorm große Zahl von Zwergen. Was steckt denn hinter der Entstehung unerwarteter Riesen – hinter der Geburt Schwarzer Schwäne? Skalierbarkeit und Globalisierung Wenn rotzige (und frustrierte) Europäer von durchschnittlichem geistigem Niveau ihre stereotypen Ansichten über die Amerikaner präsentieren, beschreiben sie sie oft als „unkultiviert“, „unintellektuell“ und „schlecht beim Rechnen“. Im Gegensatz zu den Europäern legen die Amerikaner nämlich nicht viel Wert auf Übungen zur Lösung von Gleichungen und auf die Konstruktionen, die geistige Normalverbraucher „hohe Kultur“ nennen (wie Kenntnis von Goethes inspirierender und zentraler Italienreise oder Vertrautheit mit der Delfter Malerschule). Derjenige, der das sagt, wird aber wahrscheinlich süchtig nach seinem iPod sein, Bluejeans tragen und Microsoft Word benutzen, um seine „kulturellen“ Feststellungen in seinen PC einzutippen, und dabei hin und wieder eine Suche über Google einstreuen. Wie das Schicksal so spielt, ist Amerika derzeit jedoch viel, viel kreativer als diese Nationen der Museumsbesucher und Gleichungslöser. Außerdem ist es viel toleranter im Hinblick auf das Herumprobieren von der Basis aus und ungelenktes Trial and Error. Schulungsziel: Langweiligkeit Es kann natürlich auch vorkommen, dass eine Bank über lange Zeit stetige Gewinne macht, dann aber bei einem einzigen Rückschlag alles verliert. Die Bankiers, die Kredite vergeben, sind traditionell birnenförmig, glatt rasiert und ausgesprochen tröstlich und langweilig gekleidet: dunkle Anzüge, weiße Hemden, rote Krawatten. Für ihr Kreditgeschäft stellen die Banken nämlich extra langweilige Leute ein und schulen sie darin, noch langweiliger zu werden. Damit wollen sie den Kunden aber nur Sand in die Augen streuen. Ihre Mitarbeiter sehen nur deshalb konservativ aus, weil ihre Kredite ganz, ganz selten platzen. Es gibt keine Möglichkeit, die Effektivität ihrer Aktivitäten zu beurteilen, indem man sie einen Tag, eine Woche, einen Monat ... oder sogar ein Jahrhundert lang beobachtet! Im Sommer 1982 verloren große US-amerikanische Banken nahezu ihre gesamten früheren Erträge (kumulativ), so ziemlich alles, was sie in der Geschichte des amerikanischen Bankwesens erwirtschaftet hatten – alles! Sie hatten Kredite an süd- und mittelamerikanische Länder vergeben, die ihren Zahlungsverpflichtungen alle zur gleichen Zeit nicht mehr nachkamen – „ein außergewöhnliches Ereignis“. Ein Sommer reichte also, um deutlich zu machen, dass es sich dabei um ein Geschäft von Dummköpfen handelte und dass alle ihre Gewinne aus einem sehr riskanten Spiel stammten. Die Banker brachten aber die ganze Zeit über alle, insbesondere sich selbst, zu der Überzeugung, sie seien „konservativ“, vorsichtig. Das sind sie nicht! Sie zeigen lediglich ungeheures Geschick bei der Selbsttäuschung, sie kehren die Möglichkeit eines großen, verheerenden Verlusts einfach unter den Teppich. Ein Jahrzehnt später wiederholte die ganze Sache sich sogar – die „risikobewussten“ Großbanken gerieten erneut unter finanziellen Druck, viele von ihnen sogar an den Rand des Bankrotts, als in den frühen 1990er-Jahren der Immobilienmarkt zusammenbrach und die Branche nur dank einer Finanzspritze von über einer halben Billion Dollar, für die der Steuerzahler aufkommen musste, überlebte. Die Notenbank schützte sie auf Kosten des Normalbürgers: Wenn „konservative“ Banken Profite machen, dürfen sie sie einstreichen; wenn sie in Schwierigkeiten geraten, zahlen wir die Kosten. Sextus, der (leider) Empirische Der erbittert antiakademische Autor und antidogmatische Aktivist Sextus Empiricus, der nahezu anderthalb Jahrtausende vor Hume lebte, formulierte das Truthahnproblem bereits mit großer Präzision. Wir wissen leider kaum etwas über ihn. Wir wissen nicht, ob er Philosoph war oder eher ein Kopist von philosophischen Texten, die von Verfassern stammten, die uns heute nicht mehr bekannt sind. Wir vermuten, dass er im zweiten Jahrhundert nach Christus in Alexandria lebte. Er gehörte zu einer medizinischen Schule, die als „empirisch“ bezeichnet wurde, da ihre Ärzte Theorien und die Kausalität anzweifelten und sich bei ihren Behandlungen auf frühere Erfahrungen stützten, in die sie allerdings nicht viel Vertrauen setzten. Außerdem glaubten sie nicht, dass die Anatomie die Funktion allzu deutlich erkennen lässt. Der berühmteste Vertreter der empirischen Schule, Menodot aus Nikomedia, der den Empirismus mit dem philosophischen Skeptizismus verschmolz, soll die Medizin als Kunst betrachtet haben, nicht als „Wissenschaft“, und ihre Praktizierung von den Problemen der dogmatischen Wissenschaft isoliert haben. Daraus erklärt sich, dass dem Namen von Sextus empiricus („der Empirische“) hinzugefügt wurde. Sextus repräsentierte die Ideen der pyrrhonischen Skeptiker und schrieb sie auf. Die pyrrhonischen Skeptiker strebten eine auf der Aufhebung von Überzeugungen basierende Form der intellektuellen Therapie an. Sehen Sie sich mit der Möglichkeit eines widrigen Ereignisses konfrontiert? Machen Sie sich keine Sorgen. Wer weiß, vielleicht wird sich ja herausstellen, dass es gut für Sie ist! Wenn Sie die Konsequenzen eines Resultats in Zweifel ziehen, können Sie gelassen bleiben. Die pyrrhonischen Skeptiker waren fügsame Bürger, die sich an die Bräuche und Traditionen hielten, wo immer das möglich war, sich aber beibrachten, systematisch an allem zu zweifeln und dadurch eine gewisse heitere Ruhe zu erreichen. So konservativ sie bei ihren Gewohnheiten waren, so fanatisch waren sie bei ihrem Kampf gegen Dogmen. Zu den noch heute erhaltenen Werken von Sextus gehört eine kritische Abhandlung mit dem wunderbaren Titel Adversus mathematicos , der manchmal mit Against the Professors (deutsch: Gegen die Wissenschaftler oder Gegen die Dogmatiker ) übersetzt wird. Vieles darin klingt, als wäre es erst letzten Mittwochabend geschrieben worden! Für meine Ideen ist Sextus vor allem interessant, weil er in seiner Praxis Philosophie und Entscheidungsfindung miteinander vermischte. Er war ein Macher, und deshalb sagen die klassischen Gelehrten nichts Nettes über ihn. Die auf scheinbar ziellosem Trial and Error beruhenden Methoden der empirischen Medizin bilden den Kern meiner Ideen zur Planung und zu Vorhersagen – dazu, wie man Schwarze Schwäne zu seinem Vorteil nutzen kann. Als ich mich 1998 selbständig machte, nannte ich meine Firma, die ein Forschungslabor betreibt und sich im Trading betätigt, Empirica – nicht aus den gleichen antidogmatischen Gründen, sondern wegen eines viel deprimierenderen Gedankens: Nach der Schule der empirischen Medizin dauerte es noch mindestens 14 Jahrhunderte, bis die Medizin sich änderte und endlich adogmatisch, zutiefst skeptisch und beweisbasiert wurde und dem Theoretisieren argwöhnisch gegenüberstand. Was lehrt uns das? Dass man sich eines Problems bewusst ist, bedeutet nicht viel – insbesondere wenn spezielle Interessen und Institutionen, die selbstsüchtige Ziele verfolgen, im Spiel sind. Ein Akronym, das in der medizinischen Literatur benutzt wird, ist NED, für No Evidence of Disease (keine Beweise für eine Erkrankung). Etwas wie END, Beweis für keine Erkrankung ( Evidence of No Disease ) , gibt es nicht. Ich bin bei meinen Gesprächen mit zahlreichen Ärzten jedoch immer wieder auf die Roundtrip-Verzerrung gestoßen (selbst bei denen, die Aufsätze über ihre Ergebnisse veröffentlichen). Auf dem Höhepunkt der wissenschaftlichen Arroganz in den 1960er-Jahren blickten die Ärzte auf die Muttermilch hinab. In ihren Augen war sie etwas Primitives, als hätte man sie in ihren Labors reproduzieren können. Sie kamen gar nicht auf die Idee, dass die Muttermilch nützliche Bestandteile enthalten könnte, die sich ihrem wissenschaftlichen Verstehen entziehen könnten – eine einfache Verwechslung des Fehlens von Beweisen für die Vorteile der Muttermilch mit Beweisen für das Fehlen der Vorteile (ein weiterer Fall von Platonität, da es „nicht sinnvoll war“, Babys zu stillen, wenn man dafür einfach Flaschen benutzen konnte). Viele Leute mussten den Preis für diese naive Inferenz bezahlen: Diejenigen, die als Babys nicht gestillt wurden, erwiesen sich als anfälliger für eine Vielzahl gesundheitlicher Probleme; dazu gehörte auch eine größere Wahrscheinlichkeit, bestimmte Krebstypen zu entwickeln. Die Muttermilch muss uns bisher nicht bekannte notwendige Nährstoffe enthalten. Überdies wurden auch die Vorteile für die stillenden Mütter außer Acht gelassen, beispielsweise das geringere Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Bei den Mandeln sieht es ähnlich aus: Ihre Entfernung kann zu einem höheren Risiko für Krebs im Halsbereich führen, doch die Ärzte kamen jahrzehntelang gar nicht auf die Idee, dass dieses „nutzlose“ Gewebe in Wirklichkeit durchaus einen Nutzen haben könnte, den sie nur nicht entdecken konnten. Das gilt auch für die Ballaststoffe in Obst und Gemüse: In den 1960er Jahren hielten die Ärzte sie für nutzlos, da sie keine direkten Beweise für ihre Notwendigkeit sahen; das führte dazu, dass eine ganze Generation schlecht ernährt wurde. Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, dass Ballaststoffe die Aufnahme von Zucker ins Blut verlangsamen und den Verdauungstrakt von präkanzerösen Zellen reinigen. Die Medizin hat im Laufe ihrer Geschichte aufgrund dieser einfachen Form der inferenziellen Verwechslung viel Schaden angerichtet. Ich will hier nicht sagen, dass Ärzte keine Überzeugungen haben sollten, sondern nur, dass sie bestimmten Arten von definitiven, engstirnigen Überzeugungen aus dem Weg gehen sollten; eben das wollten Menodot und seine Schule offenbar mit ihrer skeptisch-empirischen Medizin, die das Theoretisieren vermied, erreichen. Die Medizin ist inzwischen besser geworden, viele andere Arten des Wissens aber nicht. Bis drei zählen Die Kognitionswissenschaftler haben sich mit unserer natürlichen Neigung, nur nach Bestätigung zu suchen, befasst; sie bezeichnen unsere Anfälligkeit für den Bestätigungsfehler als Confirmation Bias . Es gibt einige Experimente, die zeigen, dass die Leute sich nur auf die gelesenen Bücher in Umberto Ecos Bibliothek konzentrieren. Eine gegebene Regel kann man entweder direkt überprüfen, indem man sich Fälle ansieht, wo sie funktioniert, oder indirekt, indem man sich auf die Fälle konzentriert, wo sie nicht funktioniert. Wie wir gesehen haben, tragen Fälle, die der Regel zuwiderlaufen, viel mehr zur Feststellung der Wahrheit bei. Wir neigen aber dazu, uns dieser Eigenschaft nicht bewusst zu sein. Das beste mir bekannte Finanzbuch, das frei von Scharlatanerie ist, ist Was Gewinner von Verlierern unterscheidet von Paul und Moynihan. Die Autoren mussten die englische Fassung selbst herausbringen. https://www.amazon.de/Was-Gewinner-von-Verlierern-unterscheidet/dp/3932114000 Was Gewinner von Verlierern unterscheidet Hardcover 1 Jan. 2000 by Brendan Moynihan (Autor), Jim Paul (Autor), Brigitte Müller (Übersetzer) 4.3 out of 5 stars 9 ratings Flach denken, himmelhoch gewinnen, ist das Credo vieler Anleger. In diesem Buch präsentiert Ihnen der Autor seinen eigenen kometenhaften Aufstieg vom findigen Landei zum steinreichen Jet-Set Millionär und Präsidenten der Chicagoer Handelsbörse. Der unvermutete Verlust mehrerer Millionen Dollar führt jedoch zu seinem katastrophalen finanziellen Absturz mit Folgen. Bedeutet finanzieller Totalverlust das Aus, oder kann man mit neuen Börsen-Erfahrungen zu neuen Chancen kommen? Sie erfahren in einer schonungslosen Analyse, was für den Börsenerfolg absolut entscheidend ist: Der Umgang mit Verlusten. Detailliert schildern Ihnen die beiden alle psychologischen Fallen, die permanent an der Börse lauern. Der Plan gegen die Verluste, das Risiko und die Masse. Spannend wie ein Thriller, lehrreich wie das beste Fachbuch! Dieses Buch gehört zum Lehrreichsten, was Sie in der Börsenliteratur finden können. What I Learned Losing a Million Dollars Jim Paul, Brendan Moynihan Es gibt Jahrzehnte, in denen passiert nichts; und es gibt Wochen, in denen passieren Jahrzehnte. -- Lenin